Landschaften aus Stille
Nicht analytisch vorgehen. Nicht Ausgehen vor Detail, um das Ganze zu begreifen. Ausgehen vom Ganzen. Ohne es in Worte zu kleiden; Außerhalb dessen, wofür unsere Sprache, unsere Sinne bestimmt sind. Diesen Erfahrungen können wir uns, wie in Religionen oder dem Wissen alter Völker, nur in Gleichnissen, in Bildern nähern. Wie in einer vertrauten Landschaft, in der wir beginnen unseren Weg zu suchen. Hier herrscht Stille. Dieser Austausch findet nicht im Messbaren statt. Er verbirgt sich in der subatomaren Welt des Werner Heisenberg. In der Struktur, die alles untermauert. In der alles mit allem kommuniziert.
Unsere Intuition schließt sich hier an. Das ist mehr als evolutionärer Zufall. Eine dezentrale Intelligenz liegt nahe. Größer, als es sich Darwin oder Newton vorstellten. Die größere Welt hat mit uns etwas anderes vor. Sie ist als ein Ganzes da. Uns eingeschlossen. Nicht auftrennbar. Kein Teil fehlt. Hier ist unsere Heimat. Als Beobachter, als Gestalter ist es an uns dafür Begrifflichkeit zu schaffen. Nicht durch Abkopplung, Objektivierung, sondern durch Intersubjektivität. Bilder, Landschaften laden uns dazu ein. Nicht, um uns zu belehren, vielmehr, um uns zu erinnern, an das, was wir eigentlich wissen, nur vergessen hatten.
Eine Verbindung außerhalb von Energie und Wechselwirkung. Prinzipiell nicht begreifbar, da es nur Potentialität beschreibt, lässt es uns dennoch Raum. Eine Hand voll Sand, die auf nasse Farbe geworfen wird, kann uns ein Gleichnis sein. Für den Beginn. Ein Ausbruch, der geformte Materie in einem geordneten Zustand hinterlässt. Ordnung und Chaos in maximaler Dichte. Ein System, das als Ganzes handelt, als wäre jedes Molekül über den Gesamtzustand der Formation informiert. Hierauf gründet Materie, dem unterliegt sie. In ihrer Ansammlung ergibt sie Form, in ihrer Dynamik Muster. Sie dissipiert, um als Nebenprodukt allmählich die Strukturen des Kosmos, des Lebens preiszugeben. Als Fraktale rufen sie ein tiefes Gefühl der Vertrautheit, des Wiederkehrens hervor, jenes Gefühl, etwas bereits gesehen zu haben. Es weckt eine uralte, eine intensive Erinnerung.
Das Wesentliche aber bleibt für das Auge unsichtbar. Es ist das außermaterielle; die Konstellation der Sandkörner zueinander. Eine Ahnung der Ordnung, um ohne Sprache zurückzuschauen woraus unsere Erinnerung rührt. Das Modell ist aufschlussreich, da es auf die Ganzheitlichkeit der nichtlinearen Welt verweist. Stellen wir uns dieser Ordnung des Chaos, des Wachstums und des Gleichgewichts gegenüber, blickt uns etwas ins Angesicht, das tief an die Wurzeln menschlicher Existenz reicht. Genau genommen sind diese Formationen aus Sand der kühn gesetzte Namenszug aller natürlicher Schöpferkraft.
Prof. Dr. Dr. Gerd Preser, Weingarten